Diagnosekategorien der TCM

2.1 Diagnosekategorien der TCM

Befunde werden nach Kategorien erhoben, d. h. die einzelnen Untersuchungen (z.B. Zungenbefund oder Pulsbefund) sollen Befunde ergeben, die sich innerhalb dieser Kategorien zuordnen lassen.

Die drei wichtigsten Diagnosekategorien:

  • Die acht diagnostischen Kriterien (Ba Gang)
  • Qi, Blut und Körperflüssigkeiten (Qi, Xue, Jinye Bianzheng)
  • Die inneren Organe (Zhangfu Bianzheng)

2.1.1 Die acht diagnostischen Kriterien (Ba Gang)

Yin Yang
Innen (Li) Außen (Biao)
Leere (Xu) Fülle (Shi)
Kälte (Han) Hitze (Re)

Tabelle 7: Ba Gang

2.1.2 Qi, Blut und Körperflüssigkeiten

Qi:        Etwas, das Substanz und dynamische Kraft in sich vereinigt. Dient Antrieb und Funktion

Blut:       Materielle Basis des Qi

Jinye:   Alle Flüssigkeiten außer Blut

2.1.3 Die inneren Organe

Zang (Speicherorgane, Yin-Organe) Fu (Hohlorgane,Yang-Organe)
Lunge Dickdarm
Herz Dünndarm
Leber Gallenblase
Milz Magen
Niere Harnblase
Pericard San Jiao, Dreifacher Erwärmer

Tabelle 8: Zang-Fu-Organe

2.2 Die vier Untersuchungen

  • Befragen (Anamnese)
  • Beobachten (Inspektion)
  • Hören und Riechen (Auskultation und Olfaktion)
  • Betasten (Palpation)

2.2.1 Befragen (Anamnese)

  • Kälte- und Hitzeempfindungen
  • Schweißneigung
  • Kopfschmerzen und Schwindelgefühle
  • Schmerzen
  • Urin
  • Stuhl
  • Durst, Appetit, Geschmacksvermögen
  • Schlaf
  • Gynäkologische Probleme
  • Krankheitsgeschichte
  1. Kälte- und Hitzeempfindungen
  • Hitze
    • Subjektives Wärmeempfinden
    • Fühlbare Wärme
    • Abneigung gegen warmes Wetter
  • Kälte
    • Dauerndes Frösteln
    • Bevorzugung von Wärme
  • Fieber
    • Plötzlich mit Frösteln
    • Qi versucht äußeren pathogenen Faktor abzuwehren
  • Verschwinden des Fröstelns
    • Tiefergehen der Krankheit
    • Fieber=Hitzezeichen
  • Niedriges Fieber am Nachmittag (Handflächen, Fußsohlen, Brustbein)
    • Yin-Mangel
  • Kein Fieber, Furcht vor Kälte
    • Yang- oder Qi-Defizit

Innerer Yang-Mangel:    Zusätzliche Decken wärmen

Äußerer pathogener Faktor: Zusätzliche Decken wärmen nicht

  1. Schweißneigung
  • Ohne Fieber
  • Tagsüber (spontan)
    • Yang- oder Qi-Mangel
    • Zeichen für unzulängliche Regulation der Poren durch das Abwehr-Wei-Qi
  • Nachtschweiß
    • Yin-Mangel
    • Relative Hitze veranlasst das Öffnen der Poren
  • Bei Fieber oder anderen äußeren Einflüssen
  • Kein Schwitzen
    • Kälte, die die Poren zusammenzieht
  • Schwitzen
    • Äußere Hitze, die die Poren öffnet oder
    • Qi-Mangel, der die Regulation der Poren behindert
  • Sinkt das Fieber nach dem Schwitzen
  • Pathogener Faktor erfolgreich abgewehrt
  1. Kopfschmerzen und Schwindelgefühle

Kopfschmerz

Organbezug:   Am häufigsten die Leber, da das Leber-Qi dazu tendiert, nach oben zu steigen

  • Plötzliche Kopfschmerzen
    • Äußerer Pathogener Faktor
  • Chronisch
    • ðInnere Disharmonie
  • Starke Kopfschmerzen
    • Fülle
  • Leicht und lästig
    • Mangelmuster

Schwindel

Meist mit Yin- oder Blutmangel assoziiert

  1. Schmerzen

Stagnation von Qi und/oder Blut

  Qi-Stagnation

 

Blut-Stase
Schmerztyp Oberflächlich, hell

Stechend, eher leichter

Tief, dumpf

Bohrend, stärker, bedrohlicher

Ort Eher wandernd ortsgebunden
Äußere, lokale Merkmale Keine organischen Veränderungen oder leichtere, reversiblere Muskelverspannungen Kleine, livide Adergeflechte, besonders in LWS und HWS-Region

 

Tabelle 9: Schmerzformen

  1. Urin
  • Klarer Urin
    • Kältemuster
  • Reichliche Urinmengen / Nykturie
    • Beeinträchtigung der aufwärts befördernden Nierenaktivität (Verdunstung), d.h.
      Mangel an Nieren-Qi
  • Unfähigkeit des vollständigen Wasserlassens, tröpfelnder Urin oder mangelnder Druck beim Wasserlassen
    • Qi-Mangel
    • Kälte
    • Feuchtigkeit
  • Dunkelgelb oder rötlich
    • Hitzemuster
  • Spärliche Urinmengen
    • Füllemuster (Feuchtigkeit oder Hitze blockieren Blasen-Qi)
    • SäfteMangel
  • Häufiges, schmerzvolles Wasserlassen mit wenig dunklem Urin
    • Feuchtigkeit und Hitze in der Blase
  1. Stuhlgang
  • Unregelmäßig, trocken oder hart
    • Hitze-Fülle
    • Säftemangel

ð (Qi-Mangel)

  • Drängender Durchfall, gelblich mit Brennen am Anus
    • Hitzezeichen
  • Wässrig oder ungeformt
    • Yang-Mangel
    • Qi-Mangel
    • Feuchtigkeit
  • Unverdaute Nahrung im Stuhl
    • Milz-Yang-Mangel
  1. Durst, Appetit und Geschmacksvermögen
  • Durst
    • Zeichen für Hitze
  • Kein Durst
    • Zeichen für Kälte
  • Durst ohne Bedürfnis zu trinken
    • Yin-Mangel oder Feuchtigkeit
  • Appetitlosigkeit
    • Magen- oder Milzdisharmonie
    • Qi-Mangel oder Feuchtigkeit
  • Übermäßiger Appetit
    • Zuviel Magen-Feuer
  • Geschmack im Mund
    • Bitter
    • Hitze (meist Leber- oder Gallenblasenstörung)
  • Süß, teigig
    • Feuchte-Hitze in der Milz
  • Faulig
    • Leber- oder Magen-Hitze
  • Salzig
    • Nierendisharmonien
  • Unfähigkeit der Geschmacksunterscheidung
    • Mangelmuster der Milz
  1. Schlaf

Schlaflosigkeit = „Unfähigkeit des Yang, in das Yin einzutreten“

Blut und Yin reichen nicht aus, um das im Herz gespeicherte Shen zu nähren

  • Relative Yang – Fülle

Dauernder Wunsch zu schlafen, übermäßiges Schlafen

  • Yang-Mangel, Qi-Mangel oder Feuchtigkeit
  1. Gynäkologische Probleme

Menstruation

  • Zu früh eintretende Menstruation
    • Hitze (mit roter Zunge)
    • Mangel an Qi (blasse Zunge)
  • Spät einsetzende Menstruation
    • BlutMangel oder Kälte, die Stagnation hervorrufen
  • Häufige Abweichungen vom Zyklus
    • Ungleichmäßig fließendes Leber-Qi
  • Starker Menstruationsfluss
    • Hitze im Blut oder Qi-Mangel
  • Geringer Fluss oder Ausbleiben der Menstruation
    • Blutmangel, Kälte, die das Blut hemmt, oder Blut-Stase
  • Helles, dünnes Menstruationsblut
    • Mangelmuster
  • Sehr dunkles Menstruationsblut
    • Hitze
  • Violettes (v.a. klumpig) Menstruationsblut
    • Blut-Stase

Ausfluss

  • Reichlich und weiß oder klar und dünn
    • Mangel und Feuchtigkeit
  • Dick und gelb oder mit Juckreiz       Hitze und Feuchtigkeit
  1. Krankheitsgeschichte
  • Akute Erkrankungen
    • Füllemuster
  • Chronische Erkrankungen
    • Mangelmuster
  • Ältere Menschen
    • Tendenz zu Mangelmustern
  • Jüngere Menschen

ðTendenz zu Füllemustern

2.2.2 Beobachten

  • Generelle Erscheinung und Konstitution
  • Zustand des Shen
  • Gesichtsfarbe
  • Zungendiagnostik
  • Ohrdiagnostik
  • Antlitzdiagnostik

„Yang ist Bewegung, Yin ist Ruhe.“

Nei Jing

  1. Generelle Erscheinung und Konstitution
  • Aufgeregt, extrovertiert, gesprächig, gereizt, aggressiv
    • Yang-Tendenz
  • Schwere, kraftvolle, plumpe Bewegungen
    • Füllemuster
  • Schnelle, fahrige Bewegungen, Strecken der Beine, sich abdecken, von Hitzequelle abrücken
    • Hitzemuster
  • Passiv, introvertiert, ruhig
    • Yin-Tendenz
  • Vorsichtige, zarte, kraftlose Bewegungen
    • Mangelmuster
  • Langsame, bedächtige Bewegungen, Zusammenrollen, viele Decken, nah der Wärme-quelle
    • Kältemuster
  • Stark, robust
    • Tendenz zu starken Organen und Füllemustern
  • Schwach, zerbrechlich
    • Tendenz zu schwachen Organen und Mangelmuster
  • Übergewichtige
    • Neigung zu Qi-Mangel (v.a., wenn blass und aufgedunsen)
    • Zuviel Schleim oder Feuchtigkeit
  • Dünne Person, bleicher Teint, schmale Brust, trockene Haut
    • Tendenz zu Yin- oder Blutmangel
  • Abmagern während einer Krankheit
    • Erschöpftes Jing
  1. Zustand des Shen

Wie ist die Vitalität und der Zustand d. seelischen, emotionalen und spirituellen Seins?

 

Viel Shen Wenig Shen
Aussehen Gesund Krank
Gesichtsfarbe Klar Grau
Ausdruck der Augen Glänzend

Lebendig

Trübe

Leer

Haltung Guter Tonus Schlaff
Gedanken Konzentriert Konfus
Reaktionen Schnell Lahm

Tabelle 10: Zustand des Shen

  1. Gesichtsfarbe

„Qi und Blut der Leitbahnen strömen nach oben, in das Gesicht.“

Nei Jing

Farbe und Feuchtigkeit des Gesichts drücken den Zustand von Qi und Blut im Körper aus

  • Weiß
    • Mangel oder Kälte
  • Leuchtendweiß, geschwollen oder gedunsen
    • Qi- oder Yang-Mangel
  • Weiß, glanzlos und welk
    • BlutMangel
  • Rötung
    • Hitze und Feuer
  • Gelb
    • Feuchtigkeit oder Mangel, v.a. bei Innerer Feuchtigkeit mit schwacher Milz
  • Qing „die Farbe der Drachenschuppen“ = blaugrün
    • Stagnation von Qi oder Blut
    • Füllemuster
    • Leberdisharmonien und Wind
    • Violett im Fall extremer Stagnation
  • Dunkel, schwarz
    • Ungenügende Nierenfunktion
    • Gestautes Blut
    • Lang währende, chronische Krankheit

2.3 Zungendiagnostik

2.3.1 Stellenwert der Zungendiagnostik

  • Wichtiger Teil des Beobachtens des Patienten
  • Spiegelbild der inneren Organe
  • Organe und Zunge werden durch die Meridiane miteinander verbunden

2.3.2 Aufgaben der Zungendiagnostik

  • Bagang
    • Fülle oder Leere?
    • Innen oder Außen?
  • Krankheitsverursachende Faktoren?
    • Kälte, Hitze, Feuchtigkeit etc.
  • Zustand der Zangfu
  • Erfolgsbeurteilung
  • Prognostische Aussagen

2.3.3 Organbezug

Abb. 13: Areale der Zunge

2.3.4 Diagnosekriterien

  • Beschaffenheit des Zungenkörpers
    • Spiegelt innere Erkrankungen wider
  • Farbe, Feuchtigkeit
  • Risse und Sprünge
  • Zungenbelag
    • Spiegelt äußere Erkrankungen bzw. äußere pathogene Faktoren wider
  • Dick/dünn
  • Feucht/trocken
  • Farbe
  • Form und Beweglichkeit
  • Zungengrundvenen
  1. Beschaffenheit des Zungenkörpers

Normale Zunge

  • Blass-rot, mäßig feucht

Farbe

  • Blass (weniger rot als normal)
    • BlutMangel
    • Qi-Mangel
    • Kälte-Fülle
  • Rot (röter als normal)
    • Hitzedisharmonien, evtl rote Punkte (Blut-Hitze)
  • Scharlachrot
    • Extremer Hitzezustand mit äußeren Hitzezeichen
    • Hinweis für Eindringen Hitze bis in tiefste Schichten des Körpers
  • Violett
    • Gehemmter Qi- oder Blutfluss
    • Leberdisharmonie
  • Blassviolett
    • Blockade mit Kälte
  • Rötlich-violett
    • Stagnation mit Hitze, die Säfte oder Blut beeinträchtigt
  • Schwärzlich
    • Stagnation

Feuchtigkeitsgrade

  • Feucht
    • Auf Kälte beruhende Disharmonie
  • Trocken
    • Auf Hitze beruhende Disharmonie

Risse und Sprünge

  • Seit Geburt:
    • Normal
  • Während Krankheit
    • Zeichen für chronische oder schwere Erkrankung
    • Rote Zunge: Hitze, die die Säfte austrocknet oder Yin-Mangel
    • Blasse Zunge: Blut- oder Qi-Mangel
  • Rote Ausschläge, Bläschen oder dornenähnliche Vorsprünge
    • Hitze oder gestautes Blut
  1. Zungenbelag
  • Ist auf die Aktivität der Milz zurückzuführen
  • spiegelt den Zustand des Verdauungssystems wider (Milz- und Magen-Qi)
  • Die Milz verdunstet die reinen Essenzen und schickt kleine Mengen unreiner Substanzen nach oben
  • Gesund
    • Einheitlicher Belag, evtl. etwas dicker im Zentrum
    • Dünn, weißlich, feucht, lässt das Zungenmaterial durchscheinen
    • „Wie Gras, das aus dem Boden sprießt“
  • Dünn
    • Normal
    • Bei Krankheit Zeichen von Mangel
  • Fehlender Belag

ð Yin-Mangel

  • Dick
    • Fülle
  • Sehr feucht
    • Fülle an Säften (meist aufgrund von Yang-Mangel)
    • Feuchtigkeit
  • Sehr trocken oder sandpapierähnlich
    • Yang-Fülle
    • Säfte-Mangel
  • Auf der Oberfläche schwebend
    • Schwaches Milz- und Magen-Qi
  • Fett, bedeckt die ganze Zunge mit dickem, öligem Film, wie Schicht Vaseline oder Butter
    • Anwesenheit von Schleim oder Feuchtigkeit im Körper
  • Glänzend (ganze Zunge oder Teil) = „geschälte Zunge“
    • Yin- oder Säfte-Mangel
    • Schwaches Milz-Qi
  • Weiß und feucht
    • Zeichen für Kälte
  • Wie Hüttenkäse, Quark oder ungeformter Tofu, dornenartig
    • Hitze im Magen
  • Gelb
    • Hitzezeichen
  • Schwarz oder grau

ð Extreme Hitze oder Kälte

  1. Form und Beweglichkeit
  • Gesund
    • Im Verhältnis zum Mund
      • Weder zu groß noch zu klein
      • Weder geschwollen noch geschrumpft
    • Flexibel
    • Glattes Stück Fleisch ohne Risse und Sprünge
    • Kann erhabene Papillen haben
    • Keine roten Bläschen oder Ausschlag
    • Keine Abweichung
  • Geschwollen = Schwammig mit gezackten Rändern (Zahnabdrücke)
    • Qi-Mangel
    • Fülle an Säften
    • Gelegentlich bei HitzeFülle (Zungenkörper ist rot)
  • Dünn = Schlank, kleiner als normale Zunge
    • Blut- oder Säftemangel
  • Steif = Gleicht einem „Stück Holz“
    • Fülle-Zustand
    • Bösartiger Windeinfluss
    • Schleim, der das Herz-Qi hemmt
  • Zitternd
    • Blass: Zuwenig Qi, das die Bewegungen kontrolliert
    • Rot: Innerer Wind, der die Zunge bewegt
  • Heraushängend (wie bei einem Hund)
    • Hitze
  • Zusammengezogen, nicht herausstreckbar
    • Schwere Fälle
  • Blass oder violett: ð Kälte, die den Körper zusammenzieht
  • Geschwollen: ð Schleim oder Feuchtigkeit
  • Rot: ð Hitze, die die Säfte austrocknet
  1. Zungengrundvenen
  • Gestaut, nicht dunkel
    • Qi-Stagnation
  • Gestaut, dunkel
    • Blut-Stagnation
  • Erweiterte Venen
    • Fülle-Zustand
  • Dünne Venen
    • Mangel-Zustand

2.3.5 Zungenbefunde

Außen-Erkrankungen (Meistens akut)

  • Wind – Kälte
    • Belag ist dünn und weiß
      • Feucht, abkratzbar und nur vorderer Anteil
      • Schwacher pathogener Faktor
  • Weiß, trocken und nicht abkratzbar
    • Äußere Kälte dringt tiefer ein mit potentieller Umwandlung in

Feuer, die die Säfte austrocknet

  • Wind – Hitze
    • Belag ist dünn und weiß, später gelb
    • Rötung des gesamten vorderen Abschnittes der Zunge

Innen-Erkankungen (Meistens chronisch)

  • Veränderung von Form und Farbe
  • Belag gewöhnlich gelb
  • weiß ð gelb
    • Eindringen des pathogenen Faktors
  • Ränder weiß, Mitte gelb
    • Erkrankung nach innen vorgedrungen
  • Ränder gelb, Mitte weiß
    • Besserung
  • Belag fehlt
    • Magen- oder Nieren – Yin – Mangel

Halb – Innen – Halb – Außen (Shao – Yang – Krankheit)

  • Einseitiger Belag oder vorn weißer, hinten grauer oder schwarzer Belag
  • Symptome
    • Schüttelfrost und Fieber
    • Bitterer Mundgeschmack
    • Schmerzen im Hypochondrium
    • Reizbarkeit
    • Trockener Hals und Übelkeit

2.4 Pulsdiagnostik

2.4.1 Stellenwert der Pulsdiagnostik

  • Zentrale Bedeutung in der Diagnostik der TCM
    • „Ich geh‘ Puls fühlen“
    • Erste Erwähnung im Nei Jing
  • Wortbedeutung:
    • „Kanäle“ durch die Qi und Blut fließen
    • Auch „Puls“ im Sinne von Pulsschlag
  • Das Pulsbild gibt Auskunft über Blut und Qi und über alle Organe, die damit in Verbindung stehen.
  • Beurteilt werden v. a. : Tiefe, Frequenz, Volumen, Kraft, Form, Länge und Rhythmus

Abb. 14: Lokalisation der Positionen bei der Pulspalpation

2.4.2 Technik der Palpation

  • An rechter und linker Hand (A. radialis)
  • 3 Positionen
    • Erste Position: Zeigefinger
    • Zweite Position: Mittelfinger
    • Dritte Position: Ringfinger
  • Plazieren des Mittelfingers auf Processus styloideus radii, dann Zeige- und Ringfinger locker daneben legen und auf die A. radialis gleiten
  • An allen drei Stellen sollte der Puls zu tasten sein.
    • Physiologisch: schwächer an proximaler und distaler Taststelle
  • 3 Druckebenen: Oberflächlich, mittel und tief
  • 28 verschiedene Pulsqualitäten

Abb. 15: Technik der Pulspalpation

2.4.3 Beurteilung des Pulses

Der Normale Puls:

  • Ist hauptsächlich auf der mittleren Ebene zu tasten
  • Er sollte 3 Qualitäten beinhalten
  • Magen-Qi
    • sanft, ruhig
    • 4-5 Schläge pro Atemzyklus des Untersuchers (70-75/min)
  • Shen (Geist/Vitalität)
    • weich, stark, regelmäßig
    • gesundes Herz-Qi und –Blut
  • Wurzel
    • tiefe Ebene gut palpierbar
    • hintere Position gut tastbar
    • gesunde und starke Niere
  1. Beurteilung der Tiefe des Pulses

Yin

Der tiefe Puls (Chen Mai)

  • Nur auf der dritten Ebene
  • klar zu tasten
  • Befund:
    • Innere Disharmonie oder
    • Blockade
    • Schwach: Schwäche von Qi und Yang
    • Voll: Qi- und Blutstase, innere Kälte oder Hitze

Yang

Der oberflächlicher Puls (Fu Mai)

  • Auf der oberflächlichen Ebene klar zu tasten
  • Befund:
    • Äußerer pathogener Faktor:
      • Gespannt: Wind-Kälte
      • Schnell: Wind-Hitze
    • Yin-Mangel:
      • Oberflächlich und in der Tiefe leer
  1. Beurteilung der Frequenz des Pulses

Yin

Der langsame Puls (Chi Mai)

  • < 4 Schläge / Atemzug
  • Befund:
    • Kälte, die die Bewegung verlangsamt
    • Mangelndes Qi, bewirkt ungenügende Bewegung

Yang

Der schnelle Puls (Shuo Mai)

  • 5 Schläge / Atemzug
  • Befund:
    • Hitze beschleunigt die Bewegung
  1. Beurteilung des Volumens des Pulses

Yin

Der feine Puls (Xi Mai)

  • Wie ein dünner Faden, aber klar zu tasten
  • Befund:
    • Qi-Mangel
    • Blut-Mangel

Yang

Der überflutende Puls (Hong Mai)

  • Großer Durchmesser und sehr klar
  • Befund:
    • Fülle
    • Meist mit Hitze in Magen oder Darm
  1. Beurteilung der Kraft des Pulses

Yin

Der leere Puls (Xu Mai)

  • Meist oberflächlich tastbar
  • Breit aber schwach und weich
  • „schlecht gefüllter Wasserball“
  • Befund:
    • Qi- und Blut-Mangel

Der sanfte Puls (Ru Mai)

  • Oberflächlich , kraftlos
  • Fadenförmig
  • Befund:
    • Qi- oder Blut-Mangel
    • Milz-Nässe-Störung

Yang

Der volle Puls (Shi Mai)

  • Breit und kräftig
  • Schlägt auf allen 3 Ebenen gegen die Finger
  • Befund:
    • Fülle-Muster
      • Schnell: Fülle-Hitze
      • Langsam: Fülle-kälte
  1. Beurteilung der Form des Pulses

Yin

Der rauhe Puls (Se Mai)

  • ungleichmäßig und holprig, unregelmäßig in Kraft und Fülle „Messer, das über Bambus schabt“
  • Befund:
    • Blut- oder Jing-Mangel (dünn)
    • Gestautes Blut
    • Erschöpfung der Säfte nach Schwitzen und Erbrechen

Yang

Der schlüpfrige Puls (Hua Mai)

  • fließend, „gleitet wie eine Schlange“, glatt wie die Kugeln eines Kugellagers
  • Frauen in der Schwangerschaft
  • Befund:
    • Fülle, meist Feuchtigkeit oder Schleim

Der saitenförmige Puls (Xian Mai)

  • Straff wie Gitarren- oder Geigensaite
  • Kräftig, federt auf allen 3 Druckebenen zurück und schlägt gleichmäßig gegen die Finger
  • fließende, wellenartige Qualität fehlt
  • Befund:
    • Stagnation im Körper (Leber-/Gallenblasendisharmonie)

Der straffe Puls (Jin Mai)

  • Kräftig, „als hielte man ein schwingendes, straff gespanntes Seil“
  • Voller und elastischer als der drahtige Puls
  • Befund:
    • Fülle, Kälte und Stagnation
  1. Beurteilung der Länge des Pulses

Yin

Der kurze Puls (Duan Mai)

  • Kann den Raum unter den 3 Fingern nicht füllen
  • Nur in einer Position tastbar
  • Befund:
    • Qi – Mangel

Yang

Der lange Puls (Chang Mai)

  • Kann über erste und dritte Position hinaus getastet werden
  • Wird bei normaler Geschwindigkeit und Kraft keine Disharmonie
  • Befund:
    • Eher bei Füllesyndromen
  1. Beurteilung des Rhythmus des Pulses

Yin

Der knotige Puls (Jie Mai)

  • Langsamer Puls, der unregelmäßig aussetzt
  • Befund:
    • Kälte, die Qi und Blut blockiert
    • Qi-, Blut- oder Jing – Mangel (Herzdisharmonie)

Der intermittierende Puls (Dai Mai)

  • regelmäßig, setzt häufiger aus
  • Befund:
    • Ernsthafte Disharmonie des Herzen oder erschöpfter Zustand aller Organe

Yang

Der „eilende“ Puls (Cu Mai)

  • Schneller Puls, der unregel mäßig aussetzt
  • Befund:
    • Hitze, die Qi und Blut beunruhigt